Juwelen aus den Kehlen

Main-Spitze  07.10.2009 - GINSHEIM


Der Aachener Kammerchor bei seinem Auftritt in Ginsheim.Foto: hbz/Melanie Bauer
KIRCHENKLÄNGE Aachener Kammerchor singt in Ginsheim

(cl). Ein Juwel nach dem anderen erklingt in der spätnachmittäglichen Ginsheimer evangelischen Kirche. Menschliche Stimmen, derart unbeschreiblich fein, derart verhallend, andererseits wieder explodierend, aufbrausend, schwebend, ineinander übergehend, und alles dies mit einer Präzision, der jegliche planerische Schärfe genommen zu sein scheint - wie kann das sein?

Gewiss, die 27 Damen und Herren des ganz außerordentlich renommierten Aachener Kammerchors, nach den Worten von Kantor Armin Rauch durch Kontakte eines Chormitgliedes der Ginsheimer Kantorei am Sonntag zum Auftritt im Kirchlein bewegt und sogleich zum Lob der Akustik veranlasst, sind Profis. Das aber erklärt es nur zu einem gewissen Teil. Die Herausforderungen des uralten "Hohen Liedes der Liebe" in ganz unterschiedlichen Fassungen, in seiner Bedeutung für alles Empfinden zwischen den Menschen von zeitloser existentieller Bedeutung, erweist sich für jeden einzelnen der Aachener Gäste fraglos als inneres Bedürfnis.

Ein Genuss, sich der kostbaren Illusion hinzugeben, die Zeit sei stehen geblieben, als die Werke von Melchior Franck, Jürg Baur, Jean-Yves Daniel-Lesur, Maurice Duruflé, Benjamin Laurt, Cyrillus Kreek, Gilad Hochman und Georg Schumann erklangen. Dabei warf die Akustik des Kirchenschiffes das Volumen der emporgestiegenen Stimmen immer wieder mit einer ganz eigenen "zarten Wucht" auf die stattliche Menge der Zuhörer zurück.

Man muss es hören, wie sich Dissonantes bei Lesur in schönste Klangfarben zurückverwandelt, wie der beifallumrauschte Cello-Solopart Walter Menglers bei Hochman lebenswehmütige Antworten auf harte und zarteste Klanghöhen gibt. Man muss das Spannungsfeld erleben, in welchem Dirigent Martin te Laak drängt und zurückhält, in sicherer Gewissheit des absoluten Könnens den Chor von Klangschauer zu Klangschauer führt. Und ganz entzückend ist es anzusehen, wenn er nach jedem Lied in heiterer und unaufdringlicher Anmut den Kopf zum Dank vor den uneingeschränkten Könnern ihres Faches neigt.

Durch kurze Erläuterungen te Laaks zwischen den Darbietungen erfährt man unter anderem auch, dass der "ursprünglich zum Teil hocherotische Inhalt des Hohen Liedes der Liebe von seinen Interpreten auf kirchliche Aspekte übertragen wurde". Die poetischen Bilder des Hoheliedes faszinieren die Komponisten seit jeher. Seit dem Mittelalter entstanden hunderte von Vertonungen.

Zwei Zugaben, darunter das das mit den Zuhörern gesungene "Dona nobis pacem", runden das Chorkonzert ab, von dem eine Besucherin nach dem Verlassen der Kirche, gedankenverloren in der Abenddämmerung stehend, meint: "Es ist mir durch und durch gegangen." Und nach einer Pause: "Puh, das muss ich erst mal wirken lassen."