Aachen. Allein der Aufmarsch von sieben
Chören mit stattlichen 220 Stimmen beeindruckt schon durch seine bühnenreife
Imposanz. Aus den singenden Heerscharen einen homogenen Klangkörper bilden zu
wollen, das steht auf einem anderen Blatt.
Aachens GMD Marcus R. Bosch ließ sich
jedenfalls nicht die Gelegenheit entgehen, zum Abschluss der Konzertsaison und
im Rahmen der Chorbiennale im randvoll besetzten Eurogress vier erstklassige
Aachener Singvereinigungen mit Gastchören aus der Ukraine und Tel Aviv sowie
dem Overbacher Kinderchor an die nicht einfachen Aufgaben heranzuführen, die
Leonard Bernstein in seiner Dritten Symphonie den Sängern abverlangt.
Dass man unter solchen Umständen keine Wunder an makelloser Ausgeglichenheit
und Präzision erwarten darf, versteht sich von selbst. Doch gelang es Bosch,
die unterschiedlich profilierten Chöre zu einer eindringlichen Interpretation
des ebenso gesanglich wie geistig anspruchsvollen Werks zu bewegen.
«Gewissensfragen»
Der Abend stand unter dem Motto «Gewissensfragen» und bezieht sich auf
zwei religiös verwurzelte Symphonien der beiden zentralen Komponisten der
ablaufenden Saison, der «Reformations-Symphonie» des zum Protestantismus
konvertierten Juden Felix Mendelssohn Bartholdy und der «Kaddish»-Symphonie
des überzeugten Juden Leonard Bernstein.
Gemeinsam ist den an sich gegensätzlichen Meistern das Bemühen, ihre tiefe und
zugleich tiefgründig reflektierte Religiosität durch ihre Musik auszudrücken.
Natürlich mit extrem unterschiedlichen Ergebnissen.
Bernstein konzipierte seine letzte Symphonie als symphonisches Oratorium für
großen Chor, Kinderchor, Sprecher, Sopran-Solo und großes Orchester.
Der von Bernstein selbst verfasste, umfangreiche gesprochene Text wird durch
drei Kaddishs, jüdische Gebete in hebräischer Sprache, ergänzt, wobei im Laufe
der drei Sätze Zweifel an der Macht und positiven Kraft Gottes einer letztlich
überwiegenden Hoffnung weichen.
Der durch die Sprecherrolle anvisierte melodramatische Duktus erinnert vor
allem in den ersten beiden Sätzen an Schönbergs Oper «Moses und Aron», die
allerdings in zweifelnder Resignation endet.
Bosch arbeitet die moderat zwölftönig strukturierte, zerklüftete Klangwelt der
ersten Sätze plastisch aus und verfällt auch in den Dur-geschwängerten
Schlusshymnen in keinen plakativen Jubel-Ton.
Trotz des gigantischen Stimmenaufgebots verkneift sich Bosch jede
Monumentalisierung der letztlich verhaltenen, stilistisch zerrissenen
Chorpartie. Dass die Stil- und Stimmungsbrüche recht sicher bewältigt wurden,
verdient Anerkennung.
Umso deutlicher konnte bei Bernstein das Orchester glänzen, was bei der 5.
Symphonie von Mendelssohn zumindest am ersten Abend nicht immer mit
lupenreiner Präzision gelang.
Der ohnehin etwas dickliche Klang der Symphonie präsentierte sich im Eurogress
noch massiver, so dass sich auch Bosch der Gefahr pathetischer Schwere nicht
immer entziehen konnte.
Neben den hoch motivierten Chören und dem zuverlässigen Aachener Orchester
erfüllte die berühmte Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender die umfangreiche
Sprecherrolle mit vorbildlicher Artikulation und einer geschickt austarierten
Balance von emotionaler Distanz und Intensität.
Mit großem lyrischem Atem, wenn auch manchem angestrengten Spitzenton erwies
die Sopranistin Alexandra Coku von der Deutschen Oper am Rhein ihrer kleinen
Partie Referenz.
Und zum Mammutchor versammelten sich der Aachener Kammerchor, Carmina Mundi,
der junge Chor Aachen, der Madrigalchor Aachen, der Kammerchor Oreya Zhythomyr
aus der Ukraine, The Tel Aviv Chamber Choir sowie der Overbacher Kinderchor.
Ovationen für einen außergewöhnlichen Saisonabschluss - für alle Beteiligten.
Man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben, aber an dieser Stelle sei es
mal erlaubt: Am Samstag geht die Chorbiennale in Aachen zu Ende, und man kann
jetzt schon sagen, dass sie ein grandioser Erfolg war.
Alle Veranstaltungen, auch die Lunch Konzerte zur Mittagszeit, war
hervorragend besucht, die Stimmung allenthalben prächtig. Das Publikum hat es
genossen, die Sängerinnen und Sänger auch.
Ein letzter Höhepunkt steht noch aus: die lange Chornacht am Samstag ab 18
Uhr. Mehr als 40 Chöre und Vokalensembles aus Aachen und der Euregio
beschließen die Biennale mit einem sechsstündigen Nonstop-Programm an fünf
Orten in der Aachener Innenstadt: Aula Carolina (Pontstrasse 7), Citykirche
St. Nikolaus (Großkölnstrasse), Annakirche (Annastrasse), St. Foillan
(Münsterplatz) und die Open-Air-Bühne im Hof.
Um Mitternacht schliesst sich ein «Farewell» mit allen beteiligten Chören auf
dem Markt an. Der Eintritt ist frei. Den Organisatoren, Sängerinnen und Sänger
und dem Publikum sei gewünscht, dass das Wetter mitspielt!