Raffinierte Klänge und witzige
Gesten
Von Alfred Beaujean und Axel Costard
| AZ / AN
07.06.2009, 18:12
Aachen. Wenn vor hundert
Jahren einer der vielen Aachener Männerchöre siegreich von einem nationalen
Wettsingen heimkehrte, wurde er am Bahnhof vom Stadtrat begrüßt, und die Stadt
stiftete eine neue Vereinsfahne. Als der Kammerchor Carmina Mundi unter Harald
Nickoll den Ersten Preis beim Deutschen Chorwettbewerb gewann, wurde das kaum
registriert.
Das hat sich gottlob
geändert, wie eine überfüllte Kirche St. Nikolaus anlässlich des
Eröffnungskonzerts der Aachener Internationalen Chorbiennale zeigte.
Vereinsfahnen sind nicht mehr gefragt, dafür umso mehr das Interesse der
Musikfreunde an Aachens opulenter Chorszene. Dass der preisgekrönte Elitechor
Harald Nickolls den Anfang des einwöchigen Spectaculums machte, war nur recht
und billig.
Carmina Mundi setzt Maßstäbe
Er setzte gleich zu Beginn Qualitätsmaßstäbe, die es den
Nachfolgeensembles schwer machen dürften. Carmina Mundi ist auf die extreme
chorische Moderne offenbar spezialisiert. Intonationsfestigkeit und
Klangraffinesse waren gleich zu Anfang zu erkennen bei Eric Whitacre Leonardo,
der von seinen Flugmaschinen träumt. Den Höhepunkt in dieser Richtung bildete
die Wiedergabe der geradezu halsbrecherisch schwierigen lateinischen Messe von
Leonard Bernstein mit Altsolo und Schlagzeug, in der am Ende geklatschte
Elemente des Gospels mitspielen. Das war schlicht grandios.
Eine ganz andere Welt eröffnete im zweiten Konzertteil der Gastchor Oreya aus
dem ukrainischen Zhytomyr. Er bot eine buntere Folge, in der Bearbeitungen wie
Samuel Barbers Streicher-Adagio, ein virtuoses Allegro von Friedemann Bach und
- im Kranz von Zugaben - sogar Dvoraks «Neue Welt» nicht fehlten. Man liebt
den Raumklang, lässt die Sängerinnen und Sänger von im Raum verteilten
Positionen singen. Da steht der brave Rheinberger neben Frank Martin und
Alfred Schnittke. Der Chorklang ist herber, vor allem in den Männerstimmen.
Aber auch hier: hohe chorische Qualität. Alles in allem: ein Riesenerfolg für
beide Chöre.
Unter dem Motto «Der Liebe voll» präsentierten sich in der vollbesetzten Aula
Carolina zum zweiten Konzert drei Chorensembles. Der Madrigalchor Aachen unter
Hans Leenders bot in ausgewogener Kammerchormanier Psalmmotetten von Lotti
Jacobus Gallus, Mendelssohn und anderen in kultivierten Wiedergaben.
Energischer ins Zeug ging Martin te Laak mit seinem Kammerchor Aachen, der
getreu dem Motto des Abends Vertonungen aus dem Hohen Lied des Alten
Testaments sehr klangschön wiedergab. Sätze von Melchior Franck, der Franzosen
Lesur und DuruflŽ erklangen sehr lebendig und expressiv-eindringlich.
Auftragswerk von Hochman
Von besonderem Interesse war die Uraufführung einer eigens für das
Chorfestival komponierten Auftragsarbeit des israelischen Komponisten Gilad
Hochman, ein Klangstück, das den Chor mit einem kantablen Cellosolo, von
Walter Mengler wunderschön gespielt, konfrontierte, ohne in experimentelle
Zonen vorzustoßen.
Den prachtvollen Beschluss machte der in Nationaltrachten auftretende
estnische Kammerchor Noorus, geführt von Raul Talmar, der abweichend vom
Programm estnische Chorsätze bot und zum Schluss die Hörer mit einem von
Gesten unterstrichenen witzigen Stück begeisterte. Schade, dass keine Zugaben
möglich waren: Von diesem Ensemble hätte man gerne noch mehr gehört.
«Altmodisch und süß» hat Leonard Bernstein die von ihm komponierte Vertonung
von Psalmen einmal bezeichnet. Als eher modern und unkonventionell werden sie
wohl von den rund 400 Zuhörern in St. Jakob empfunden worden sein, die am
Samstag das Konzert des Jungen Chores Aachen unter der Leitung von Fritz ter
Wey verfolgten. Die mit Schlagzeug (Mark Bessonov), Harfe (Manou Liebert),
Orgel (Michael Hoppe) und Countertenor (Benno Schachtner) intonierte Version
der «Chichester Psalms» rief große Begeisterung hervor.
Zuvor stand die Kantate «Von der Vergänglichkeit des Irdischen» von Ernst
Krenek (1900-1991) auf dem Programm, eine Vertonung von zumeist düsteren, zum
Teil friedensbewegten Gedichten aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.
Thematisch passend, musikalisch jedoch etwas weniger zeitgenössisch gestaltete
sich die Darbietung des renommierten israelischen Chores Tel Aviv Chamber
Choir unter der Leitung von Michael Shani, der vor wenigen Tagen noch in der
Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem zu Ehren der Opfer des Warschauer Ghettos
aufgetreten ist.
In St. Jakob teilte sich der Chor zunächst in zwei Hälften auf, sang
raumerfüllend in Dialogform ein Stück aus dem jüdischen Gebetsbuch.
Das Motto des Abends, «Visionen», muss wohl mit der Symbolik am Schluss des
Konzerts in Zusammenhang gesehen werden, als beide Chöre, der israelische und
der deutsche, Wolfgang Amadeus Mozart gemeinsam sangen.
Folgende «Lunchkonzerte» finden bei der Internationalen Chorbiennale in Aachen
am Montag und Dienstag statt: Der Kammerchor Oreya aus Zhytomyr (Ukraine)
singt am Montag um 12.30 Uhr in der Kirche St. Paul, Jakobstraße. Der Segakoor
Noorus aus Tallinn (Estland) singt am Dienstag um 12.30 Uhr im Krönungssaal
des Rathauses. Eintritt frei.