Aachener Nachrichten - Aachener Zeitung vom 2.3.2009
Sehr differenziert:
Boschs«Matthäus-Passion»
Von Pedro Obiera
01.03.2009, 18:10
Aachen. Das Domkonzert
in der Aachener Citykirche St. Nikolaus: Das bedeutet überschaubarere und
kompaktere räumliche und klangliche Dimensionen, aber auch eine klaustrophobisch
drangvolle Enge im voll gepferchten Zuschauerraum, wenn man ihn mit Stühlchen
bestückt, auf denen sich allenfalls Grundschulkinder wohl fühlen dürften.
Da wird über die dreieinhalbstündige Strecke der «Matthäus-Passion» die
Leidensgeschichte auch körperlich erfahrbar. Zumindest für die Rückenmuskulatur.
Die Bach-Interpretationen von Marcus R. Bosch gehören mittlerweile zur lieb
gewonnenen Tradition im Aachener Musikleben. Dabei ist man vor Überraschungen
nicht sicher. Bosch schlug diesmal erheblich differenziertere und oft ruhigere
Tempi an als in den gehetzten Darstellungen der h-Moll-Messe oder gar des
Weihnachtsoratoriums. Die letzten Arien nahm er sogar ungewöhnlich schwer.
Besonders markant die Bass- und Gamben-Arie «Komm, süßes Kreuz», in der Bach an
sich einen betont leichten, tänzerisch punktierten Kontrapunkt zum
beschwerlichen Kreuzgang setzt, den Bosch überspielt. Damit unterbricht er den
Fluss des Riesenwerks und nimmt riskante Spannungseinbrüche in Kauf.
Ein zweites Problem betrifft die klangliche Ausrichtung. Da der Chor auch mit
der räumlichen Enge zu kämpfen hatte, blieb die doppelchörige, quasi stereophone
Anlage folgenlos. Der Nachhall der Nikolauskirche tat ein übriges, so dass auch
im Eingangschor die markanten Bass-Punktierungen ebenso litten wie die
Textverständlichkeit der Chöre. Die Choräle gestaltete Bosch sehr differenziert,
stets gehaltvoll, aber niemals pathetisch.
Die Volkschöre bewahrten trotz kluger Kontrolle ihre dramatische Schärfe, und
die großen Ecksätze überzeugten durch Boschs wie immer vorbildliche Phrasierung.
In diesem Zusammenhang gehört den mit bestens geschulten Stimmen besetzten
Chören hohes Lob: den von Martin te Laak einstudierten Aachener und Overbacher
Kammerchören, dem Chor der «vocapella» (Andreas Klippert) und nicht zuletzt dem
Kinder- und Jugendchor des Theaters Aachen (Frank Flade).
Eine homogene Solistenriege für die «Matthäus-Passion» zu finden, ist schwierig,
wenn nicht unmöglich. Mit seinem hellen Charaktertenor bot Johannes Chum beste
Voraussetzungen für eine klug deklamierte und präzis gesungene Gestaltung der
anspruchsvollen Evangelisten-Partie. Auch die kniffligen Tenor-Arien gelangen
ihm vorbildlich.
Derbere Akzente setzte Martin Berner in den Bass-Arien und den Partien des
Petrus und Pontifex. Der Jesus von Florian Spiess wirkte etwas blass, die
Sopranistin Michaela Maria Mayer hatte mit einigen unflexiblen Härten in den
Höhen zu kämpfen. Die ausgedehnten Alt- Arien bewältigte Marie-Claude Chappuis
auf erfreulichem Niveau.
Begeisterter Beifall für einen anspruchsvollen Abend.