Augenzwinkernd heiter und nachdenklich
Von AN-Mitarbeiter Pedro Obiera | 11.12.200
Aachen. Eine neue Tradition hat das Licht der Welt erblickt. Der Erfolg im restlos ausverkauften Eurogress war so überwältigend, dass man sich schon auf das nächste Weihnachtskonzert des Sinfonieorchesters Aachen freuen kann. Und das, obwohl beim ersten Anlauf die Dauer von dreieinhalb Stunden die Schallmauer jeder «vernünftigen» Programmplanung durchbrach. Angesichts der bunt gemischten und qualitativ hochwertigen Zusammenstellung blieb jedoch kaum Zeit für Langeweile.
Dafür sorgten ein gut gelaunter GMD Marcus R. Bosch, ein hochmotiviertes Orchester, exzellente Chöre und Solisten sowie als Tortenguss ein Weltstar vom Format eines Mario Adorf. Der Schauspieler zog sein Publikum mit vier kurzen Weihnachtsgeschichten aus verschiedenen Ländern in den Bann, teils augenzwinkernd heiter, teils nachdenklich, meistens beides.
Ob Astrid Lindgren mit ihrer unübertroffenen Fähigkeit, sich in kleine Kinderseelen zu versetzen, ob Margret Rettichs hintergründige Abrechnung mit der Sogwirkung des Weihnachtstrubels, ob Hermann Hesses kleiner Brief «Vom Sinn des Christfests» oder Vasconcelos sozialkritische Erzählung «Papas Augen»: Mit seiner unverwechselbaren und wandlungsfähigen Stimme bot Adorf eine Lektion in Sachen packender Vortragskunst. Mehr als nur kleine Beilagen zum musikalischen Gabentisch.
Adorf ließ es sich auch nicht nehmen, am gemeinsamen Weihnachtsliedersingen mitzuwirken. Auch das gehört für Bosch zum Weihnachtkonzert, wie Händels «Messias», Bachs «Weihnachts- Oratorium» und Humperdincks «Hänsel und Gretel». Musik, die er mit persönlichen Kindheitserinnerungen verbindet und die er nicht missen will.
Ebenso wie Massenets «Meditation» oder die nicht ganz so bekannten «Weihnachtslieder» von Peter Cornelius. Ein im Wesentlichen konventionell bestücktes Programm, das aber alles andere als altmodisch wirkt, wenn man mit solcher Begeisterung hinter dem Konzept steht wie die Aachener Künstler.
Mit seinen Kapellmeistern David Marlow und Daniel Jacobi setzte sich Bosch «mit mulmigem Gefühl» ans Klavier für den Kopfsatz aus Mozarts Konzert für drei Klaviere und Orchester. Das Bekenntnis «Wir sind alle Dilettanten, mögen aber Musik» zeugt von noblem Understatement. Es gab auch an den Klavieren mehr als nur «liebevollen Dilettantismus» zu hören.
Das galt natürlich auch für die anderen solistischen Darbietungen. So stellten sich mit dem Harfenisten Nikolaz Cadoret und der Flötistin Stefanie Faust zwei neue Orchestermusiker vor. Nach etwas schleppendem Beginn konnten die beiden als Solisten eines Satzes aus Mozarts Doppelkonzert für Harfe und Flöte zeigen, dass sie als Gewinn für das Orchester gewertet werden dürfen.
Und der albanische Geiger Skerdjano Keraj, seit zwei Jahren zweiter Konzertmeister der Aachener Sinfoniker, stattete Massenets «Meditation» mit einem süßen, edlen Ton aus.
Auch Solisten des Opernensembles konnten sich profilieren. Etwa die Mezzosopranistin Melanie Forgeron mit der heiklen Alt-Arie aus Bachs «Weihnachts-Oratorium» (Bereite dich, Zion). Zu hören waren ein schönes Timbre und leichte Probleme in den Koloraturen.
Desweiteren überzeugten der Bariton Martin Berner sowie die Sopranistinnen Eva Bernard und Irina Popova, nicht zu vergessen die von Martin Te Laak geleiteten Aachener und Overbacher Kammerchöre, die vor wenigen Wochen wesentlich zum glänzenden Erfolg des «Elias» in Würselen beigetragen haben.
Mit Humperdincks «Abendsegen» und Händels «Halleluja» ging ein langer Abend zu Ende, der dennoch nur zufriedene Gesichter erkennen ließ. Und freuen konnten sich nicht zuletzt die Befürworter der Initiative «Ein Haus für Musik», in deren Dienst das Konzert gestellt wurde.